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Von Ulm bis Köln: Wie Udo Lindenbergs Publikum den Panikrock lebendig hält

By SingArena Editorial · · Music News

Von Ulm bis Köln: Wie Udo Lindenbergs Publikum den Panikrock lebendig hält
Raimond Spekking / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

In Ulm widmet ein Popchor sein Jubiläumskonzert auch dem Panikrocker, in Köln feiern seine Fans beim Rockliner-Veteranen-Treff ein Wiedersehen vor dem Dom. Eine Bestandsaufnahme zwischen Chorprobe und Domplatte.

Es gibt Künstler, deren Werk so tief im kollektiven Gedächtnis sitzt, dass es irgendwann ein Eigenleben führt. Udo Lindenberg gehört zweifelsfrei dazu. Während der Panikrocker selbst seit Jahrzehnten die großen Hallen und Charts bespielt, wächst rund um seine Musik eine Szene heran, die ihn auf sehr unterschiedliche Weise feiert – mal als Chorsatz, mal als Doubles vor dem Kölner Dom. Zwei aktuelle Ereignisse zeigen, wie breit dieses Publikum inzwischen aufgestellt ist.

Ein Popchor feiert Geburtstag – mit Lindenberg im Programm

Der Popchor Ulm begeht in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen. Gefeiert wird am 10. Oktober um 19.30 Uhr mit einem Konzert im Ulmer Stadthaus. Das Repertoire reicht nach Angaben des Ensembles von den 1970er-Jahren bis in die Gegenwart und spannt einen Bogen von Udo Lindenberg über Robbie Williams und Adele bis hin zu Michael Jackson. Gesungen wird mal auf Deutsch, mal auf Englisch, mal a cappella, mal mit Band- oder Klavierbegleitung.

Für Lindenberg ist das kein Zufall: Seine Lieder gehören zum Kanon deutschsprachiger Popmusik, die sich auch für große Gesangsformationen eignet. Songs wie Sonderzug nach Pankow oder Cello leben von eingängigen Melodien und erzählenden Texten – ideale Vorlagen für einen Chor, der zwischen Rock, Pop und Ballade unterwegs ist.

Beim Jubiläumskonzert steht der Ulmer Popchor nicht allein auf der Bühne: Ein Chor aus Niederbayern, ein Tanzensemble und eine Solosängerin ergänzen das Programm. Auch Magda Cerna, die neue Leiterin, hat Spuren hinterlassen. Cerna, die vor ihrer Tätigkeit in Ulm klassischen Gesang studierte, trat bereits bei internationalen Veranstaltungen auf und arbeitet als Gesangspädagogin und Stimmbildnerin. Seit März hat sie das Programm des Ensembles erweitert.

69 Stimmen, ein Verein, viele Generationen

Was den Ulmer Chor auszeichnet, ist weniger die Bühne als die Gemeinschaft dahinter. 69 Mitglieder zählt die Gesangsgruppe heute, 20 davon waren schon bei der Gründung dabei. Das Alter der Sängerinnen und Sänger schwankt zwischen 22 und 70 Jahren. „Das Besondere an uns ist es, dass wir eine sehr bunte Gemeinschaft sind“, sagt Hildegard Rzepa, die seit Ende 2017 im Chor singt. Sie schätzt die Verbundenheit im Ensemble; das gemeinsame Singen bereite ihr viel Freude.

Die Geschichte des Chors reicht zurück ins Jahr 2016, als Roland Eppelt die Formation mit dem Ziel gründete, Pop- und Rockmusik in größerer Runde zu singen. Zu den ersten gewählten Vorsitzenden gehörten Anita Schuhmacher und Johannes Kromer, die beide bis heute im Vorstand aktiv sind. Als eigene Lieblingslieder nennen die Mitglieder Stücke wie Viva la Vida von Coldplay oder Angels von Robbie Williams – Titel, die den Bogen zwischen Lindenberg und der internationalen Popgeschichte schlagen.

Die Auftritte des Ensembles gehen über das klassische Konzertformat hinaus. Neben der Kulturnacht in Ulm, Weihnachts- oder Open-Air-Konzerten singt der Chor auch in Krankenhäusern, Altenheimen und Gefängnissen. Die Organisation von Konzerten, Probewochenenden und Wettbewerbsteilnahmen stemmen die Mitglieder ehrenamtlich. 2022 wurde das Ensemble beim Deutschen Chorfest mit dem Sonderpreis für den emotionalsten Chor ausgezeichnet. Die Corona-Pandemie hatte die Aktivität zwischenzeitlich gebremst, doch nach dem Lockdown wuchs die Gruppe wieder – und mit ihr nach eigener Darstellung auch die stimmliche Qualität. Geprobt wird jeden Mittwochabend; Neuzugänge sind willkommen. Karten für das Jubiläumskonzert gibt es online bei Eventim.

Köln: Panikrock-Flair und ein Fan, der sich hineinschlich

Rund 500 Kilometer weiter westlich fand zeitgleich ein ganz anderes Lindenberg-Ritual statt. Am Freitagabend, dem 2. Oktober, trafen sich zahlreiche Fans in Köln, um zu feiern, zu singen und – wie es in den Berichten heißt – die volle Dröhnung Udo-Musik zu genießen. Tags darauf stand am 3. Oktober ein Gruppenfoto mit zahlreichen Udo-Doubles vor dem Dom auf dem Programm. Das sogenannte Rockliner-Veteranen-Treffen wird von Christian „Ötte“ Otte organisiert und findet seit 2010 einmal jährlich in wechselnden Städten statt.

Mittendrin: Kalle Gerigk, in Köln als Mietrebell und Aktivist bekannt. Der 66-Jährige ist seit Jugendtagen Lindenberg-Fan und erinnert sich an eine Anekdote, die gut zum Legendenstatus des Panikrockers passt. Als er 16 war und Lindenberg in der Kölner Sporthalle auftrat, fehlte ihm das Geld für ein Ticket. „Ich war schon immer Fan von Udo“, erzählt er. Er zog an den Türen der Halle – und eine ging tatsächlich auf. „Ich bin dann in den Keller und kam von dort in einen Raum – und plötzlich saß da Udo Lindenberg auf einem Tisch, um ihn herum standen seine Musiker. Das sah wie eine Bandbesprechung aus.“

Gerigk erschrak so sehr, dass er schnell weiterging. „Mein Herz hat total geklopft, das war sehr aufregend. Zum Glück ist keiner hinter mir her.“ Das schlechte Gewissen plagte ihn damals zwar, doch der Wunsch, beim Konzert dabei zu sein, war größer. Irgendwann fand er den Aufgang, gelangte in die Halle und sah den Auftritt. Die Kölner Sporthalle war bis zur Einweihung der Kölnarena im September 1998 die wichtigste Veranstaltungshalle der Stadt und Schauplatz vieler legendärer Konzerte.

Die Verbindung zu Lindenberg ist für Gerigk bis heute geblieben – und hat sogar eine persönliche Wendung genommen. In der Reha lernte er bei einer Karaoke-Veranstaltung Günter „Max“ Morlock kennen, einen guten Freund Lindenbergs. „Max hatte es am Rücken, ich am Knie“, erzählt Gerigk. Beim Fantreffen war Max natürlich dabei und sang mit ihm kölsche Lieder. Unter anderem haben sie In unserem Veedel von den Bläck Fööss im Repertoire. „Wir haben am Freitag in der Kölner Kneipe Söckchen zwischen den Udo-Lindenberg-Songs für kölsche Töne gesorgt.“

Ein Werk, das Generationen überbrückt

Die beiden Ereignisse könnten unterschiedlicher kaum sein: hier ein Chor, der Lindenberg zwischen Coldplay und Adele einreiht und damit ein generationsübergreifendes Publikum anspricht; dort ein Veteranentreffen, bei dem Fans mit Doubles und kölschen Tönen eine eigene Subkultur pflegen. Und doch erzählen beide dasselbe: Lindenbergs Musik funktioniert nicht nur als Konzert-Erlebnis, sondern als sozialer Kitt.

Das hat auch mit der Biografie des Musikers zu tun. Lindenberg begann seine Karriere Ende der 1960er-Jahre als Schlagzeuger, unter anderem bei den City Preachers und mit Peter Herbolzheimer, bevor er sich ab den frühen 1970er-Jahren auf Gesang und eigene Texte konzentrierte. Als einer der ersten Rockmusiker präsentierte er deutschsprachige Texte und verhalf dem Deutschrock in Westdeutschland zum Durchbruch. Lieder wie Alles klar auf der Andrea Doria, Cello, Wozu sind Kriege da?, Sonderzug nach Pankow, Horizont, Ich lieb’ Dich überhaupt nicht mehr, Die Klavierlehrerin und Ein Herz kann man nicht reparieren gehören zu seinem Kanon. 2008 stand er mit seinem 34. Studioalbum Stark wie Zwei im Alter von 62 Jahren erstmals an der Spitze der deutschen Charts. Seine Zusammenarbeit mit Apache 207, die Single Komet, war 2023 mit 21 Wochen das am häufigsten auf Rang eins platzierte Lied seit Einführung der wöchentlichen Singlecharts 1971.

Dass ein Popchor aus Ulm und ein Fan-Treffen in Köln dieselbe musikalische Quelle anzapfen, ist deshalb mehr als Nostalgie. Es zeigt, wie ein Künstler, der seit über fünf Jahrzehnten aktiv ist, unterschiedliche Milieus verbindet – und dabei ständig neue Formate findet: Chorsatz, Karaoke, Doubles, Vereinsleben. Der Panikrock ist längst ein Gemeinschaftsprojekt geworden.

Tags: Udo Lindenberg, Popchor Ulm, Rockliner-Veteranen-Treff, Deutschrock, Köln, Ulm, DE MUSIC