No Angels: ARD-Doku zeigt die dunklen Kapitel der erfolgreichsten Girlgroup Europas
By SingArena Editorial · · Pop Culture

André D Conrad / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0 de)
Die dreiteilige ARD-Dokumentation „No Angels – Das sind wir“ blickt auf 25 Jahre Bandgeschichte zurück – von „Daylight in Your Eyes“ über den Rauswurf einer Schwangeren bis zum Gerichtsprozess gegen Nadja Benaissa.
Sie waren die erste große Casting-Band Deutschlands, die erfolgreichste Girlgroup Kontinentaleuropas und ein Pop-Phänomen, das eine ganze Generation prägte. Jetzt widmet die ARD den No Angels eine dreiteilige Dokumentation mit dem Titel „No Angels – Das sind wir“. Die Doku zeichnet die Bandgeschichte chronologisch nach – von den Anfängen bei „Popstars“ im Jahr 2000 bis heute – und lässt dabei auch die dunklen Kapitel nicht aus.
Ein Song, der eigentlich für Amerika gedacht war
Eine der spannendsten Episoden der Doku betrifft die Entstehung ihres größten Hits. Wie der Tagesspiegel berichtet, war „Daylight in Your Eyes“ ursprünglich für eine andere Künstlerin geschrieben worden, die damit in den USA durchstarten sollte. Dort aber wollten die Radiostationen den Song nicht spielen – das Urteil lautete damals, er sei ein „Madonna-Abklatsch“ und „Musik zum Bügeln“. Also kam es zum zweiten Versuch in Deutschland, im Rahmen einer neuen Casting-Show.
Im Tonstudio setzte nach dem Intro der Beat ein, die Frauen begannen zu tanzen, der Produzent sang ihnen den Refrain vor. Für die No Angels wurde dieser Moment zum Sprungbrett: Ihre Debütsingle sollte der erfolgreichste Song des Jahres in Deutschland werden. Heute gilt „Daylight in Your Eyes“ als einer der prägendsten Pop-Momente der deutschen Musikgeschichte der 2000er.
Eine „komplett toxische Maschinerie“
Hinter den Kulissen der Show ging es offenbar rabiat zu. Die Doku beschreibt die Zustände als „chaotisch“, einen „Fiebertraum“, eine „komplett toxische Maschinerie“. Eine der Produzentinnen von „Popstars“ sagt heute, man würde das alles anders machen und hätte auf jeden Fall psychologische Begleitung dabei.
Für die Teilnehmerinnen war das offenbar eine enorme Belastung – auch wenn die Doku in vielen Details kryptisch bleibt. Ein Stück weit gehörte die Orientierungslosigkeit damals offenbar zum Erfolgsrezept: Dass niemand so genau wusste, was da eigentlich geschah, machte den Reiz der ersten „Popstars“-Staffel aus und trug zur enormen Popularität der No Angels bei.
Der Rauswurf von Jessica Wahls
Konkreter wird die Kritik an der Pop-Maschinerie, als es um den weiteren Werdegang der Band geht. 2002 wurde die damals 25-jährige Jessica Wahls kurzerhand aus der Band geworfen, weil sie schwanger war. Die Argumentation des Managements: Eine Tournee sei auf keinen Fall zu schaffen.
Wahls erzählt in der Doku, sie habe sich bereits während der Anfangsjahre oft unsicher gefühlt. Sie sei, was Talent und Technik angeht, „die Schlechteste“ gewesen, außerdem habe sie „vom Aussehen her eine Ersatzfunktion gehabt“ – für den Fall, dass es mit Nadja Benaissa, neben Wahls die zweite schwarze Frau in der Band, nicht klappen würden. Bis auf Sandy Mölling habe sich damals kein Bandmitglied hinter sie gestellt. Sie habe nicht betteln wollen, sagt Wahls: „Auf die Knie kriegt ihr mich nicht.“
Beim gemeinsamen Gespräch am Frühstückstisch sprechen die Frauen über diese Zeit. Benaissa, damals selbst bereits Mutter, entschuldigt sich mit Tränen in den Augen – eine bemerkenswert authentisch wirkende Szene, von der die Doku einige bietet.
„Ich war komplett traumatisiert“
Die Lebensgeschichte von Nadja Benaissa wird über die drei Folgen hinweg aufgerollt – man hätte ihr, so der Tagesspiegel, auch eine eigene Doku-Reihe widmen können. Gleich zu Beginn fasst sie ihre Vorgeschichte zusammen: „Ich bin mit 12 Jahren drogenabhängig geworden, war mit 14 Jahren auf der Straße, dann war ich mit 16 schwanger, mit 18 war ich bei ‚Popstars‘, da konnte ich sowieso mit niemandem über irgendwas sprechen“, sagt Benaissa. „Ich war komplett traumatisiert.“
Nachdem sie für die Band ausgewählt worden war, habe sie erzählen müssen, dass sie HIV-positiv ist – damit sie zum Arzt gehen durfte, um ihre Blutwerte checken zu lassen. Der Musikproduzent Leslie Mandoki erzählt in der Doku, dass dies hinter den Kulissen gar nicht gut ankam. Es habe viele Gespräche über die „Verwertbarkeit von Nadjas Lebensgeschichte“ gegeben – das „hässliche Gesicht“ der Industrie.
Von den Charts bis zum Gerichtssaal
Die No Angels blicken auf eine beispiellose Karriere zurück. 2001 belegten sie mit ihrer Debütsingle „Daylight in Your Eyes“ und dem Album „Elle’ments“ Platz eins der Single-, Airplay- und Albumcharts in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Mit über fünf Millionen verkauften Tonträgern, vier Nummer-eins-Hits in den deutschen Singlecharts und vier Nummer-eins-Alben in den deutschen Albumcharts sind sie bis heute die deutsche Girlgroup mit den meisten verkauften Tonträgern und die erfolgreichste Girlgroup Kontinentaleuropas.
Ende 2003 löste sich die Band auf. 2007 folgte das Comeback ohne Vanessa Petruo. Nach dem Ausstieg von Nadja Benaissa im August 2010 traten die No Angels bis zu ihrer Trennung Ende 2010 als Trio auf. Zum 20-jährigen Bandjubiläum veröffentlichten sie im Juni 2021 das Album „20“, das auf Platz eins der deutschen Albumcharts einstieg.
Überschattet wurde die Bandgeschichte vom Gerichtsprozess gegen Benaissa. 2010 wurde sie wegen gefährlicher Körperverletzung zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt, weil sie Männer wissentlich mit HIV angesteckt hatte. Die Doku thematisiert auch diesen Abschnitt, der für viele der dunkelste in der Geschichte der No Angels ist.
Ein Pop-Denkmal mit Narben
Die ARD-Doku zeigt eine Band, die wie kaum eine andere für die Höhen und Abgründe der Pop-Industrie steht. Sie erzählt von fünf jungen Frauen, die aus einem Meer an hoffnungsvollen Kandidatinnen ausgewählt wurden – in Hüfthosen und Tops mit Schlangenmuster, wie der Tagesspiegel nostalgisch anmerkt – und die über Nacht zu Superstars wurden. Und sie erzählt von dem Preis, den sie dafür zahlten.
Heute, 25 Jahre nach „Daylight in Your Eyes“, sind die No Angels ein Pop-Denkmal mit Narben. Die Doku macht deutlich, dass hinter dem perfekt inszenierten Glanz einer Casting-Band immer auch Menschen stehen – mit Geschichten, die nicht ins Rampenlicht gehören, aber erzählt werden müssen. „No Angels – Das sind wir“ läuft in drei Folgen à 45 Minuten in der ARD.
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