SingArena —

Johannes Oerding und Peter Maffay: Wenn zwei Sprachwelten ein Album schreiben

By SingArena Editorial · · Artist Update

Johannes Oerding und Peter Maffay: Wenn zwei Sprachwelten ein Album schreiben
Sven Mandel / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Johannes Oerding und Peter Maffay arbeiten an einem gemeinsamen Album – und diskutieren dabei offenbar über zeitgemäße Sprache. Oerding korrigiert, Maffay lernt dazu. Ab April 2027 gehen beide zusammen auf Tour.

Es ist eine Paarung, die auf dem Papier sofort einleuchtet und in der Praxis offenbar für reichlich Gesprächsstoff sorgt: Peter Maffay und Johannes Oerding schreiben gemeinsam an einem Album. Zwei Künstler, die unterschiedlicher kaum sein könnten – der eine seit Jahrzehnten eine Institution des deutschen Rock, der andere einer der prägenden Pop-Songwriter der vergangenen anderthalb Jahrzehnte. Mehr als 30 Jahre Altersunterschied trennen die beiden, und wie Oerding jetzt im Interview mit web.de verriet, treffen dabei nicht nur zwei Musikgenerationen aufeinander, sondern auch zwei sehr unterschiedliche Sprachstile.

Ein Wort, das heute nicht mehr geht

Oerding beschreibt seine eigene Sprache als „recht woke" und räumt ein, dass er bei der Textarbeit mehrfach eingreifen musste. „Es kam schon mal vor, dass ich zu Peter gesagt habe: 'Du, das sagt man heute aber nicht mehr so'", so der Sänger. Maffay, 77 Jahre alt, reagierte laut Oerding mit Augenrollen – die Gespräche seien aber konstruktiv geblieben. Ein Konflikt also, der eher beiläufig wirkt und doch viel über den Wandel im deutschsprachigen Songwriting erzählt.

Interessant ist dabei, dass sich die beiden bei Melodien und Arrangements offenbar schnell einig waren. Der Dissens liegt weniger im Musikalischen als im Sprachlichen – ein Hinweis darauf, wie sehr sich das Bewusstsein für Formulierungen in der deutschen Popkultur verschoben hat. Was in den Siebziger- und Achtzigerjahren selbstverständlich durch den Rundfunk ging, wird heute nicht selten hinterfragt. Oerding steht dabei für eine Generation, die diese Verschiebung nicht als Einschränkung, sondern als Teil ihres Selbstverständnisses begreift.

Maffay zeigt sich lernbereit

Bemerkenswert ist vor allem Maffays Reaktion. Statt auf seiner Version zu beharren, sagt der Musiker: „Wenn ich seinem Rat folge, was ich sehr gerne mache, dann stelle ich fest, dass seine Variante sogar leichter zu singen ist." Sein Fazit: „Ich kann von ihm also noch eine Menge lernen." Das ist eine Haltung, die in der Branche nicht selbstverständlich ist – gerade wenn ein Künstler auf eine jahrzehntelange Karriere zurückblickt.

Maffay führt die sprachlichen Differenzen übrigens auch auf seine Herkunft zurück. Er stammt aus Transsilvanien und hat Deutsch anders gelernt als Menschen, die in Deutschland aufgewachsen sind. Eine verkürzte Form wie „geh'n" mit Apostroph würde er nach eigener Aussage nie verwenden, sondern immer die vollständige Form „gehen" wählen. Für Oerding wiederum wirken solche Wendungen nicht mehr zeitgemäß. Es sind feine Unterschiede, die aber zeigen, wie sehr Sprache in der Popmusik immer auch Biografie transportiert.

Ein Duo mit Vorgeschichte

Die Zusammenarbeit kommt nicht aus dem Nichts. Bereits 2018 begleitete Oerding Peter Maffay als Gast auf dessen MTV-Unplugged-Tournee – und schrieb für Maffays damaliges Album „Jetzt!" mehrere Lieder mit. Der Respekt ist also gewachsen, lange bevor die Idee eines gemeinsamen Albums konkret wurde. Oerding selbst war zu diesem Zeitpunkt längst kein Nachwuchskünstler mehr: Seit seinem Debüt „Erste Wahl" (2009) hat er sich mit Alben wie „Boxer" (2011), „Für immer ab jetzt" (2013), „Alles brennt" und „Kreise" (2017) eine feste Position im deutschsprachigen Pop erarbeitet. Mehrere dieser Werke wurden mit Gold und Platin ausgezeichnet, seine Single „An guten Tagen" zählt zu den erfolgreichsten Veröffentlichungen seiner Laufbahn.

Auch sein Weg auf die großen Bühnen ist gut dokumentiert: 2013 vertrat er Hamburg beim Bundesvision Song Contest und belegte mit „Nichts geht mehr" den zweiten Platz. Im selben Jahr war er im Vorprogramm von Joe Cockers „Fire It Up"-Tour zu sehen, 2014 folgte ein Gastauftritt auf der Unplugged-Tour der Scorpions. 2018 erhielt er den Live Entertainment Award für die beste Hallentournee des Jahres 2017. All das sind Stationen, die erklären, warum ein gemeinsames Album mit Maffay für ihn eher eine logische Fortsetzung als ein Bruch darstellt.

Warum diese Kollaboration mehr ist als ein Duett

Dass zwei so unterschiedliche Biografien zusammenfinden, hat auch eine strategische Dimension. Maffay hatte sich 2024 weitgehend vom Tourneeleben verabschiedet. Für das Projekt mit Oerding setzt er diese Pause nun aus: Ab dem 15. April 2027 touren beide gemeinsam durch Deutschland. Für Maffay bedeutet das eine Rückkehr auf die großen Bühnen, für Oerding eine Ausweitung seines Publikums in Richtung jener Generation, die mit Maffay sozialisiert wurde. Umgekehrt dürfte Maffays Stammpublikum durch Oerding einen Zugang zu zeitgenössischem deutschsprachigem Pop finden, der ihm sonst vielleicht verschlossen bliebe.

Spannend ist auch der künstlerische Ansatz: Wenn ein 77-Jähriger und ein 44-Jähriger gemeinsam Texte schreiben und sich dabei gegenseitig korrigieren, entsteht etwas, das sich nicht einfach als „Featuring" abtun lässt. Es ist ein Dialog über Sprache, Generationen und die Frage, wie man heute noch von bestimmten Dingen singen kann – und wie nicht mehr. In einer Zeit, in der die deutschsprachige Musikszene viel über Haltung und Verantwortung diskutiert, liefert das Duo ein praktisches Beispiel dafür, wie so ein Aushandlungsprozess aussehen kann: nicht laut, nicht dogmatisch, sondern im Gespräch.

Was Fans erwarten können

Konkrete Songtitel, ein Veröffentlichungsdatum oder Details zur Besetzung des Albums sind bislang nicht öffentlich. Klar ist nur: Die Tour ab dem 15. April 2027 ist gesetzt, und das Album soll beide Handschriften tragen. Wer Oerdings bisherige Arbeit kennt, wird gespannt sein, wie sich seine „woke" Sprache mit Maffays Erfahrung und seinem aus Transsilvanien geprägten Deutsch verbindet. Vielleicht liegt genau darin der Reiz: nicht in der Angleichung, sondern in der Reibung. Wenn Maffay sagt, er könne noch eine Menge lernen, ist das keine Höflichkeitsfloskel, sondern eine der ehrlichsten Aussagen, die man aus dieser Konstellation hören kann.

Für beide Künstler ist es ein Experiment – für das Publikum wird es die Gelegenheit, zwei Ausnahmekarrieren nicht nebeneinander, sondern miteinander zu erleben.

Tags: Johannes Oerding, Peter Maffay, Deutschpop, Kollaboration, Tour 2027, DE MUSIC